Horst Wein: Traditionelle oder moderne Lehrweise des Fußballs?

Horst Wein:
UNTERSCHIEDE ZWISCHEN EINER MODERNEN UND DER TRADITIONELLEN LEHRWEISE DES FUSSBALLS

Horst Wein

Horst Wein – Autor bei Sportakademie24.de

  1. Anstatt auf die Vermittlung technischer Elemente das Hauptaugenmerk im Training zu richten, wird in der modernen Lehrweise des Fußballs dem Spiel bzw. der globalen Lehrmethode mehr Bedeutung zugemessen. Fußballspielen lernt man am besten durch Spielen, und nicht nur mit Einüben von Fertigkeiten mit der analytischen Lehrmethode. Wenn die Amerikaner behaupten: “Drill is kill“, meinen sie damit, dass durch zu viel Einüben beim Training die Entwicklung von der Kreativität, der Vorstellungskraft und der Fantasie der Spieler eingeschränkt wird. Die für eine optimale Spielfähigkeit so bedeutenden Parameter wie die Beherrschung des Raumes oder der Zeit können nur mit Hilfe von vielen vereinfachten Fußball-Spielen schrittweise entwickelt werden und nicht durch stereotype Übungen.
    Heutzutage wird nicht nur gelehrt, „wie“ eine Technik ausgeführt werden soll, sondern auch „wann“ und “warum“ man sie anwendet und  „wo“ sie  am besten auf dem Fußballfeld gezeigt werden soll.
    Es ist zwar wichtig den Ball zu besitzen, aber wichtiger ist es zu wissen, was ich am besten mit ihm anfangen kann.
  2. In der modernen Lehrweise des Fußballs werden seine spezifischen Techniken  nicht mehr isoliert oder losgelöst vom Spiel und besonders am Anfang des Trainings trainiert, sondern meistens direkt nach dem vereinfachten Aufwärmspiel, das immer ein bestimmtes  Thema hat.
    Nach dem Spiel fragt der Jugendtrainer seine Spieler, welche Schwächen ihre Spielleistung  negativ beeinflusst haben. Daraufhin bietet er den Spielern zur Verbesserung ihrer Spielfähigkeit eine Serie von Korrekturübungen („Tabletten“) an, die das Ziel haben, ihr technisch-taktisches Spiel auf ein höheres Niveau zu bringen.
    Durch diese Art und Weise des Vorgehens werden alle am Training beteiligten Spieler motiviert, alle diese Korrekturübungen zu absolvierten, weil sie wissen, dass sie damit ihre Spielleistung verbessern können.
    Man trainiert also eine Technik nur dann, wenn vorher im Spiel eine Notwendigkeit dafür entdeckt wurde! Eine Übung wird also dadurch „geboren“, dass im vorausgegangenen Spiel Mängel bei den Spielern aufgedeckt wurden.  Das Einüben von technisch-taktischen Verhaltensweisen geht also nicht mehr dem Spiel voraus, sondern folgt ihm!  Aus diesem Grund sollte auch viele Trainingseinheiten mit einem vereinfachten Spiel beginnen und nicht mehr mit vielen stereotypen Übungen.
  3. Als Ausgangspunkt des Lernens und Lehrens gilt nicht mehr das Spiel der Erwachsenen, sondern ein vereinfachtes Spiel mit 2, 3, 4 oder 5 Spielern in jeder Mannschaft. Dieses hat sehr flexible Regeln, die beliebig verändert werden können. Dadurch, dass das vereinfachte Spiel in seiner Schwierigkeit und Komplexität den geistigen und körperlichen Fähigkeiten des jungen Fußballspielers angepasst wurde (und nicht umgekehrt!) gibt es bei den jungen Spieler bessere Lehrerfolge als beim Spiel auf dem großen Feld. Veränderungen in der Zahl der Spieler in einer Mannschaft, in den Ausmassen des Spielfeldes, in der Größe und der Anzahl der Tore, im Gewicht und Umfang des Balles sowie in vielen technischen Regeln, die dem Alter und der Spielfähigkeit der jugendlichen Spieler immer angepasst werden, macht es ihnen möglich, effektiv und mit viel Spaß Fußballspielen zu lernen.
  4. In der traditionellen Lehrweise wurde eine Trainingseinheit immer mit einem Spiel (“open skill”) beendet, das von den Spielern meist als eine Prämie für das voraufgegangene viele Einüben (“closed skill”) angesehen wurde. Dieses Spiel jedoch hatte häufig wenig mit den zahlreichen Übungen zu tun, die vorher angeboten wurden.
  5. In einer modernen Lehrweise ist der junge Spieler nicht mehr Ausführender der Anweisungen seines Trainers. Dieser regt stattdessen seine Spieler dauernd zum Denken an, damit sie lernen, selbst richtige Entscheidungen zu treffen.
    Anstatt Instruktionen zu geben, die der Spieler bereits morgen wieder vergisst, erlaubt er es ihm, eigene Erfahrungen zu sammeln, die dann im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.  Auf diese Weise wird der Spieler auch mehr und mehr unabhängig von den dauernden Hinweisen und Befehlen seines Trainers. Johan Wolfgang von Goethe sagte bereits: „Unsere Jugend möchte eher  stimuliert als instruiert werden“.
    Das vom Trainer gesteuerte Entdecken des Fußballspiels ist heute die optimalste Lehrweise. Mit ihr stimuliert und führt der Trainer die Spieler durch spezielle offene und geschlossene Fragen zur Lösung des Problems. Er gibt ihnen zu verstehen, dass der Fußball immer im Kopf beginnen muss, bevor ihre Aktion auf dem Spielfeld (bestehend aus den 3 Phasen Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und motorische Ausführung) mit dem Fuß beendet wird. Damit wird  der Spieler zum Hauptdarsteller des Lern- und Lehrprozesses, während früher immer der Lehrer im Mittelpunkt des Trainings stand und Lehrautorität war.
    Um spezifische Fragen stellen zu können, die die Spieler beantworten müssen, sollten die Trainer von jedem vereinfachten Spiel die Lern- und Lehrziele im Angriff und in der Abwehr kennen.
  6. Anstatt wie früher meistens einen Monolog zu halten zieht es der moderne Trainer eher vor, mit ihnen dank gezielter Fragen einen Dialog zu führen. Dabei sollte der Trainer nicht zu viel sprechen, weil junge Fußballspieler lieber viel spielen möchten.
  7. Die moderne Lehrweise des Fußballspiels berücksichtigt das Selbstlernen, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird. Um besserer Lernergebnisse ohne direkten Einfluss des Trainers zu ermöglichen, sollte der Jugendtrainer seine Spieler mindestens 7x mit der gleichen Spielsituation konfrontieren. Erst nach dieser optimalen Wiederholungszahl gelingt es normalerweise einem Spieler, alle Inhalte des Spiels zu verstehen, Erfahrungen durch Vergleiche zu sammeln und aus seinen vorausgegangenen Fehlern zu lernen.
  8. Schon immer war es angezeigt beim Lehren vom Leichten und Einfachen zum Schwierigen und Komplexeren vorzugehen. Zum Beispiel wird zuerst mit dem ruhenden Ball, dann mit dem Ball in Bewegung, mit steigernder Geschwindigkeit, mit wachsendem Gegner- und Zeitdruck und schließlich unter steigernder körperlicher Belastung geübt, um eine technisch-taktische Handlung zu festigen. Heute werden jedoch häufiger die Anzahl der beteiligten Spieler in einer Mannschaft und die Spielfeldausmasse  variiert und weniger die Regeln wie z.B. mit mehr oder weniger Ballberührungen spielen, mit oder ohne neutralen Spieler angreifen, hohe oder nur flache Zuspiele fordern oder auch mit dem schwächeren Fuß spielen.
  9. Beim modernen Fußballtraining werden auch die kognitiven Fähigkeiten der Spieler stimuliert, was besonders beim Spiel ohne Ball gefragt ist. Früher dagegen richteten viele Trainer ihre Aufmerksamkeit zu sehr auf diejenigen Spieler, die gerade im Ballbesitz waren, aber jetzt sind alle Spieler für den Trainer gleichwichtig.
    Ein Lernen im Fußball ist heute nur noch dann bedeutend, wenn motorisches und kognitives Lernen miteinander verbunden werden!
    Anstatt beim Training die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die motorische Ausführung einer  Technik zu richten, ist  es für den Trainer heute sehr wichtig, auch die Schwächen oder Stärken seiner Spieler in ihrer  Wahrnehmungsfähigkeit (das ist die 1.Phase jeder Handlung im Fußball) und in der Entscheidungsfindung (2.Phase bevor es zur motorischen Ausführung kommt) zu beurteilen, weil diese Analyse hilft, viele Ballverluste zu erklären
  10. Wenn ein vereinfachtes Spiel mit seinen verschiedenen Varianten für längere Zeit im Trainingsprogramm verbleibt werden bessere Lernergebnisse erzielt und das Verstehen aller Inhalte des Spiels eher garantiert als wenn in jeder Trainingseinheit immer nur neue Spiele angeboten werden. Der junge Spieler lernt besser mit Lehrinhalten, von denen er bereits einige grundlegende Erfahrungen gemacht hat bzw. die ihm vorher teilweise bekannt waren.  So wäre es auch angezeigt, öfters einmal ein Turnier mit einem vereinfachten Spiel zur Festigung der technisch-taktischen und kognitiven Fähigkeiten und auch zur Optimierung der Wettkampffähigkeit anzubieten.
    Damit der junge Spieler technisch, taktisch, körperlich und auch wissenmäßig mehr Impulse bekommt und sich schneller verbessert trainiert man heute häufiger als in der Vergangenheit in reduzierten Spielräumen.
  11. Beim modernen Training wird verlangt, dass mit der gleichen Schnelligkeit und Intensität trainiert wird wie das beim Wettspiel der Fall ist. Auf diese Art und Weise hat es der Spieler leichter, die im Training angeeigneten Fähigkeiten und Erfahrungen auch im Wettspiel anzuwenden. Es soll immer so trainiert werden, als ob es sich um einen Wettspiel handelt und so im Wettkampf gespielt werden, als ob es ein Training wäre.
  12. Die Inhalte der Trainingseinheiten sollten den im Wettspiel vorkommenden  Situationen so ähnlich wie möglich sein. Das Spiel selbst schreibt die Übungen und vereinfachten Spiele für das Trainingsprogramm. Die Ähnlichkeit der Spielsituationen im Training erleichtert die Anwendung der trainierten Verhaltensweisen im Spiel und führt so zu erfolgreicheren Handlungen der Spieler. Training und Wettspiel sollten sich bedingen und eine Einheit bilden, während in der traditionellen Lehrweise des Fußballs im Training häufig  anders gespielt wurde als im Wettspiel.
  13. Das Menü einer Trainingseinheit für Kinder und Jugendliche ist heute viel vielseitiger als früher, weil mindestens 3 bis 4 unterschiedliche Themen auf dem täglichen Programm stehen. Das reichhaltigere Angebot motiviert die jungen Spieler, die nun wegen der fehlenden Monotonie viel aufmerksamer sind und bessere Lernergebnisse erzielen. Die Monotonie, Feind eines effektiven Lernens, wird so erfolgreich bekämpft.
    Wenn darüber hinaus der Jugendtrainer zwischen verschiedenen Lehrmetoden
    (analytischen und globales Lernen) und einem Training mit und ohne Ball wechselt sowie häufig für die Spieler ihre Spielaufgaben (im Angriff oder in der Abwehr, auf der linken oder rechten Spielfeldseite) ändert, dann ist jeder Spieler immer mit „Feuer und Flamme“ dabei.
  14. Jeder gute Spieler versteht es, sich den dauernden wechselnden Spielsituationen im Fußballspiel anzupassen. Um dies zu erreichen sollte der Trainer die Spielregeln eines vereinfachten Spiels häufig verändern und darüber hinaus das gleiche Spiel auch in Überzahl, in Gleichzahl oder auch in Unterzahl bestreiten lassen.
  15. Während früher das Training häufig segmentiert wurde – Trennung zwischen technischen, taktischen, körperlichen und mentalen Training- steht heute das integrale Training im Vordergrund. Ein integrales Training vereint Aspekte der  Technik, Taktik, der körperlichen, psychischen und kognitiven Fitness miteinander so wie es auch im Spiel geschieht.
  16. In der traditionellen Lehrweise gab es ein überhastetes, schnelles Heranführen der jungen Spieler an das große Spiel, wobei häufig Etappen übersprungen werden (direkt zum 11 gegen 11 oder vom 7 gegen 7 zum 11 gegen 11). Die Gesetze der Natur, die keine Hast und Eile kennen, wurden nicht berücksichtigt. Alles musste schnell gehen.
    In der modernen Lehrweise lässt man den Kindern und Jugendlichen Zeit, die Geheimnisse der verschiedenen, speziell  für sie „geschneiderten“ Fußballspiele zu entdecken. Schritt für Schritt werden sie ohne Hast und Eile an die verschiedenen vereinfachten Spiele mit wachsenden Schwierigkeitsgrad und zunehmender Komplexität herangeführt. Ziel dabei ist es, dass sich jeder Spieler dem Spiel gewachsen fühlt.
  17. Früher und teilweise noch heute ist es überall wichtig ein Spiel zu seinen Gunsten zu entscheiden, egal welche Mittel dabei eingesetzt werden. Um dieses Ziel zu ermöglichen schenken die erfolgshungrigen Trainer im Training der Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit mehr Aufmerksamkeit als dem technisch-taktischen Training.  Die auf Sieg programmierten Trainer beobachten beim Konditionstraining  viel schnellere Fortschritte als das beim Training zur Verbesserung des technisch-taktischen Verhaltens ihrer Spieler der Fall ist. So sieht man häufig technisch versierte, aber physisch schwache Spieler auf der Reservebank sitzen, weil sie von kräftigen, ergebnisorientierten Spielern mit technischen Schwächen und mangelnder Koordination verdrängt wurden.
    Die Suche nach schnellen Erfolgserlebnissen im Fußball ist jedoch auf langer Sicht abzulehnen, weil sie eine optimale Ausbildung der jungen Spieler keineswegs fördert.  Um dieser gefährlichen Tendenz entgegenzuwirken, wäre es wichtig über eine optimalere Wettkampfstruktur, besonders für die unter 13-Jährigen, zu verfügen, so wie es der Autor seit vielen Jahren vergeblich fordert.

“Das größte Hindernis für Fortschritte im Fußball ist nicht, dass viele Trainer neuen Ideen zunächst einmal ablehnend gegenüberstehen, sondern auf die Anwendung ihrer veralteten Lehrmethoden nicht verzichten können.“

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