Sportpsychologie: Motive friedlicher und gewaltbereiter Fussballfans (1)

Prof. Sigurd Baumann

Prof. Sigurd Baumann

„Wir wollen unsere Mannschaft siegen sehen!“

Über die Motive friedlicher und gewaltbereiter Fußballfans

Fußballfans identifizieren sich mit ihrer Mannschaft. Um dies zu erkennen bedarf es keiner wissenschaftlichen Untersuchung. Bei internationalen Großereignissen, wie z.B. Fußballweltmeisterschaften wird offenkundig, dass das Fanverhalten bei allen Völkern und Nationen, trotz unterschiedlicher kultureller Strukturen in ähnlicher Weise zum Ausdruck kommt.

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Die Identifikation

Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass es sich bei der Identifikation des Zuschauers mit der eigenen Mannschaft um ein allgemeines, alle Menschen betreffendes, evolutionär bedingtes Verhalten handelt.
Menschen streben danach, vor allem während der Kindheit und Jugend, sich mit anderen Menschen zu identifizieren, so zu sein wie diejenigen, die sie verehren und bewundern.
So werden z.B. Erfolgswünsche, die real nur begrenzt erfüllt werden können, in den Sport projiziert. In dieser Form der Anteilnahme wird der Erfolg des Showsportlers zum Erfolg des Fans bzw. des Zuschauers. Der Zuschauer will am Erfolg teilnehmen, ihn zu seinem eigenen machen.

Unterschiede zeigen sich in der Auswahl der Identifikationsobjekte, z.B. in verschiedenen Sportarten, in der Art der Intensität, z.B. vom einfachen Beifallklatschen bis zum gewalttätigen Angriff gegen den Widersacher oder der Art und Weise der Ausführung, z.B. als Einzelner, in Gruppen oder in organisierten Fangemeinschaften.

Alle Fans, gleich welcher Herkunft, haben einen gemeinsamen Wunsch:

„Wir wollen unsere Mannschaft siegen sehen!“

Es ist unbestritten, dass dieses Motiv, am Erfolg der eigenen Mannschaft teilzuhaben, weltweit Gültigkeit hat.

Vom Anhänger zum Gewaltbereiten

Die positive Erscheinung moderner Fankultur wird getrübt durch Meldungen über Gewaltaktionen einzelner Fans oder Fanorganisationen, die sich gegen Unbeteiligte, gegen Zuschauer oder gegen gegnerische Spieler richten. Auch der Schiedsrichter kann zum Zielobjekt gewalttätiger Angriffe werden, wobei die Ligenzugehörigkeit keine Rolle spielt.
Immer häufiger liest man, dass die eigenen „Helden“ im Falle einer Niederlage zur Zielscheibe von Hass, Beleidigungen oder gar von Bedrohungen werden.
Die Anwesenheit von Sicherheitskräften und Polizeieinsätzen zeigt, dass Fußballfans nicht nur eine erfreuliche Begleiterscheinung zur Unterstützung der eigenen Mannschaft darstellen, sondern auch über den Sport hinaus ein gesellschaftliches Problemfeld bedeuten können, mit weitreichenden negativen sozialen und wirtschaftlichen  Folgeerscheinungen.
Das Fanverhalten ist untrennbar mit dem modernen Sport, insbesondere mit dem Mediensport verknüpft. Die Medienpräsenz internationaler und nationaler Sportereignisse wird in Zukunft zu einer weiteren Anhebung der politischen, infrastrukturellen und ökonomischen Berücksichtigung führen.

Deshalb lohnt es sich, die psychologischen Hintergründe,  Motive und Ziele unterschiedlichen Fanverhaltens zu beleuchten.

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Warum identifizieren sich Menschen mit anderen?

  • Die Nachahmung – eine Funktion der Spiegelneurone.
  • Der Zuschauer als „Mitsieger“

Italienische Forscher haben beobachtet, dass bei Versuchen mit Menschenaffen eine enge Beziehung zwischen selbstausgeführten Handlungen und beobachteten Handlungen besteht. Auch beim Menschen gibt es Nervenzellen im Gehirn, die ein eigenes Verhaltensprogramm realisieren, die aber auch dann aktiv werden, wenn man beobachtet oder auf andere Weise miterlebt, wie ein anderer diese Verhaltensweise zeigt. Man hat sie deshalb als Spiegelneurone bezeichnet. (Bauer, 2008)

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Die Spiegelneurone geben uns damit die Möglichkeit, innerlich nachzuvollziehen, zu spüren und zu fühlen, was andere tun und erleben.
Dieses Phänomen wurde schon 1852 von dem Engländer Benjamin Carpenter beschrieben und als „Carpenter-Effekt“ zur Erklärung vielfältiger Nachahmungseffekte heran gezogen, z.B. auch zur Begründung der Wirksamkeit des Mentalen Trainings.
Mit der Entdeckung der Spiegelneurone wird es erklärbar, dass Zuschauer sich in die Rolle von Spielern hinein versetzen können und dabei die gleichen inneren Erregungsvorgänge aufweisen sie die Spieler selbst.

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Als Fazit lässt sich ableiten, dass die Beobachtung von Handlungen anderer Personen nicht nur ein inneres Mitreaktionsprogramm zum Schwingen bringt, sondern dass diese Resonanz der Spiegelneurone auch Handlungsbereitschaften in ihm bahnt.

Handelt es sich um ein Geschehen, das dem Beobachter noch nie begegnet ist, z.B. die Beobachtung einer Tat von noch nicht erlebter Brutalität, dann wird sie als weiteres Handlungsprogramm in den Bestand der handlungssteuernden Nervenzellen aufgenommen. Sie werden besonders intensiv abgespeichert. Es besteht eine besonders intensive Vorstellung von ihr.
Das Beobachten einer Gewalttatlöst bei einem gewaltorientierten Menschen die gleichen Lustgefühle aus wie bei Gewalttäter selbst. Daraus wird erklärbar, dass manche Jugendliche brutale Aktionen ausführen, z.B. den Unterlegenen quälen, zusammentreten oder anderweitig misshandeln ohne Mitleid zu empfinden.

In der Regel identifizieren sich Kinder und Jugendliche mit Teilaspekten ihrer Vorbilder, die in Wirklichkeit oder in ihrer Phantasie am stärksten auf sie einwirken.

Das können die Kleidung sein, Stimme und Sprache, besondere Aspekte der Körpersprache, der Umgang mit anderen Personen, Leistungen, z.B. im Sport, attraktive Verhaltensweisen, Erfolg oder Berühmtheit, u.a. Aus der Vielfalt jeder einzelnen Identifikation entwickelt sich letztlich die übergeordnete Persönlichkeit als einzigartiges Ganzes.

Die Identifikation mit einem erstrebenswerten Vorbild setzt voraus, dass man sich selbst noch als eigene Persönlichkeit erlebt, d.h. die Selbstreflexion muss Bestandteil jeder Identifikation bleiben.

Die Bedeutung der Selbstreflexion

Der Mensch ist dank seiner Gehirnstruktur zu bewusstem Denken und damit zur Selbstreflexion fähig.

Selbstreflexion bedeutet das Nachdenken über sich selbst.

  • Man kann seine eigenen Gedanken zum Gegenstand des Denkens machen. Das Bewusstwerden und das Beurteilen der eigenen Gefühle und des eigenen Verhaltens gehören ebenfalls dazu.
  • Auch ein Schauspieler, der sich mit der Rolle eines anderen identifiziert, bleibt sich seiner eigenen Persönlichkeit bewusst. „Ich bin ich, da ist der Andere!“
  • Durch die Identifikation erlebt das Subjekt den Unterschied zum Anderen. Identifikation bedeutet den Anderen wahrnehmen, ihn nachahmen, ihn in sich aufnehmen um sich mit ihm auseinander zu setzen.

Bei Fußballfans stellt sich die Frage: In welchem Maß bleibt die Selbstreflexion erhalten?

Bedeutet eine emotionalisierte Identifikation gleichzeitig eine Minderung oder Ausschaltung der Selbstreflexion?

Bei einer friedlichen Identifikation bleibt die Selbstreflexion erhalten.

Je mehr die Selbstreflexion erlischt, desto geringer wird die Möglichkeit, die „Ich – Du – Beziehung“ herzustellen.

Bei einer „totalen Identifikation“ wird das eigene Ich restlos durch den anderen ersetzt.

DSC_0092 EMTotale Identifikation und Selbstreflexion schließen sich aus

Dies kann z.B. sein, wenn das gewalttätige Vorbild als Sinnbild des Starken, des Erfolgreichen vollkommen vom Subjekt Besitz ergriffen hat.

In diesem Fall wird die Grenze des „normalen“ zum „pathologischen“ bzw. neurotischen Fans überschritten.

Der Andere wird ausgelöscht, da das Objekt als Subjekt gedacht wird. Der gewaltbereite Mensch schlüpft in die Rolle des Gewalttäters, seine eigene Persönlichkeit wird durch diejenige des externen Gewaltvorbilds ersetzt.

Karen Horney bezeichnet diesen Vorgang als Externalisierung oder Projektion. Es ist das Bestreben, sich vom eigenen Ich  loszulösen, das z.B. durch das Bild des Gewalttäters ersetzt wird.

Identifikation schafft Geborgenheit.

Die Voraussetzung der Identifikation als ein menschliches Grundbedürfnis ruht im Gemeinschaftssinn.

Wenn der Einzelne in der Gruppe der Überzeugung ist, dass die anderen ähnlich denken wie er und sie der gleichen Meinung sind, schafft er sich dadurch die Möglichkeit des Geborgenseins, der Zusammengehörigkeit, der Sicherheit und Stärke.

So nimmt jeder am Erfolg oder Misserfolg der Gruppe, der er sich verbunden fühlt, teil.

Wesentlich dabei ist, dass der Einzelne glaubt, dass die anderen in der Gemeinschaft ähnlich oder genau so denken wie er.

Auch wenn es sich dabei um eine Täuschung handeln kann, fühlt sich der Einzelne mit den anderen verbunden und in der Gemeinschaft geborgen.

Hofstätter hat für dieses Phänomen den Begriff der Unifikation gewählt.

Fans vereinen sich

Auch in Fangemeinschaften finden wir das Phänomen der Unifikation. Fans vereinen sich, weil sie glauben, dass andere die gleichen Bedürfnisse und Meinungen haben, wie sie selbst.

Das Phänomen der Unifikation zeigt sich z.B. auch darin, dass ursprünglich gegnerische Fans sich zu einer neuen Gemeinschaft zusammenfinden, wenn ein gemeinsamer Gegner ausgemacht wird. Wenn beispielsweise Deutschland gegen Italien spielt, vereinen sich die gegnerischen Fans der Bundesligamannschaften zu einer neuen Fangemeinschaft zur Unterstützung der Nationalmannschaft.

Ursprüngliche Gegner oder Rivalitäten, z.B. Bayern München gegen Borussia Dortmund, spielen dann keine Rolle mehr.

Das gemeinsame Denken und der gemeinsame Gegner führen zu einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl und einer neuen Gemeinsamkeit.

In der Gemeinschaft fühlen sich die Fans weniger verantwortlich für die Folgen ihrer eigenen Entscheidung. Die Verantwortung verteilt sich auf mehrere Schultern.

Die Risikofreudigkeit des Einzelnen steigt, da nicht mehr der Sachverstand zählt, sondern die Meinung der Mehrheit.

Riskantes Handeln wird meist höher bewertet als Vorsicht. Die damit einhergehende Anerkennung kann dazu führen, dass gerade die mit Minderwertigkeitsgefühlen kämpfenden Mitglieder zu unangemessenen Risiken motiviert werden um die ersehnte Anerkennung zu erhalten.

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Literatur

  1. Adler, A.  Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Wien – München 1920
  2. Bleidik, U.  Die Individualpsychologie in ihrer Bedeutung für die Pädagogik. Mühlheim, 1959
  3. v.Cube, F.  Besiege deinen nächsten wie dich selbst.  München, 1997
  4. Fürntratt, E.  Angst und instrumentelle Aggression, Weinheim, 1974
  5. Horney, K.  Der neurotische Mensch unserer Zeit
  6. Iacoboni, M.  Woher wir wissen, was andere denken und fühlen. München, 2009
  7. Lamprecht, M., Stamm, H.  Sport zwischen Kultur, Kult und Kommerz. Zürich, 2002
  8. Wahl, K.  Aggression und Gewalt. Heidelberg, 2009