Sportpsychologie: Motive friedlicher und gewaltbereiter Fussballfans (2)

Sportpsychologie: Motive friedlicher und gewaltbereiter Fussballfans (2)

Sportpsychologie: Motive friedlicher und gewaltbereiter Fussballfans (2)

Sportpsychologie: Die Rolle des Mediensports

Auch der Mediensport wird durch das Phänomen der Unifikation erklärbar.

  1. Er vermittelt den Zuschauern ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.
  2. Erfahrungen, Gefühle und Denkweisen werden mit anderen geteilt. In dieser Hinsicht gibt der Mediensport eine positive Antwort auf den Verlust der Gemeinsamkeit in einer immer differenzierteren und pluralistischer werdenden Gesellschaft.
  3. Man kann dies leicht an den gemeinsamen Freudenfeiern im Anschluss an Sportsiege erkennen, wenn sich plötzlich wildfremde Menschen in den Armen liegen oder jubelnd durch die Straßen ziehen.

Seminarreihe „Sportpsychologie“ mit Prof. Baumann

Die Lust an der Spannung

Spannende Spiele sind dadurch gekennzeichnet, dass man nicht weiß, wer gewinnen wird. Viele Menschen sind am Fußball als Sport wenig interessiert. Wenn die Mannschaft, der sie sich zugehörig fühlen spielt, fiebern sie trotzdem mit, da sie die Offenheit des Spielausgangs fasziniert. Die Unbestimmtheit des Spielausgangs versetzt den Zuschauer in Spannung.

Ist das Spielergebnis von vornherein geklärt, kommt auch keine Spannung auf.

Fußball als Mediensport lebt davon, dass das Ergebnis nicht planbar ist. Man weiß nie, ob das Spiel dramatisch oder langweilig wird, ob eine Niederlage zu verkraften oder ein Sieg zu bejubeln ist.

Fans4-600Es ist die Ungewissheit, die die Menschen in die Stadien und an die Fernseher lockt.

Zum Fußballkrimi wird ein Spiel nur dann, wenn bis zum Schluss alles möglich ist.

Die Identifikation mit dem Sieger – das Aggressionsmotiv

Es bedarf keines empirischen Beweises um festzustellen, dass es ein  Motiv gibt das weltweit Menschen antreibt mit ihrer Mannschaft mit zu fiebern und den Sieg zu feiern.

Fans brauchen den Gegner um sich mit der eigenen Mannschaft zu identifizieren. Die Lust am Siegen stellt sich nur im Erfolgserlebnis des Siegens und der damit verknüpften Anerkennung ein.

Aus verhaltensbiologischer Sicht beruht die Lust des Fans auf folgenden Aspekten:

  1. Der Zuschauer identifiziert sich mit dem Sieger
    Die Identifikation mit dem mutmaßlichen Sieger, mit dem vermeintlich Stärkeren verschafft dem Zuschauer die Lust am Siegen und das Erlebnis, der Bessere zu sein.
    Vor allem der Mediensport hat zu einer enormen Aufwertung des Wettkampfsports geführt. Es geht nicht mehr um den Sieg über den sportlichen Gegner, vielmehr  geht es dabei um den Sieg von Millionen über andere Millionen.
  2. Der Zuschauer siegt ohne Anstrengung.
    Die Identifikation der Fans mit der Mannschaft erlaubt das Siegen ohne eigene Anstrengung. Die Fans lassen kämpfen und siegen. Sie erleben die lustvolle Endhandlung ohne eigene körperliche Aktivität.
    Dadurch befriedigen sie ein uraltes Bedürfnis des Menschen: Die Lust, zu siegen und Anerkennung zu  erleben, ohne sich anzustrengen.

Das Problem dabei:   Der Zuschauer erlebt den Sieg im Zustand körperlicher Passivität

Das natürliche Aktionspotential das die Spieler durch das aktive Spiel verbrauchen, bleibt beim Zuschauer ungenutzt erhalten. Die Lust am Siegen wird verwehrt. Wohin mit dem aufgestauten Aggressionspotential?

Für diese Form der Aggression ist es charakteristisch, dass sich die aufgestaute Energie nicht nur auf einen bestimmten Rivalen richtet, sondern sich im wahllosen Zerstören und Herumschlagen Bahn brechen kann.

Seminarreihe „Sportpsychologie“ mit Prof. Baumann

Aggressive Handlungen wirken als aggressive Reize

Die Erregung der Zuschauer wird umso größer, je direkter und gewalttätiger gekämpft wird.

Direkte körperliche Gewalt hat stammesgeschichtliche Ursachen. Die Aggressionsbereitschaft von Angehörigen entstand ursprünglich beim echten Kampf.

Gewalttätiges oder unfaires Verhalten von Fußballspielern wirkt auf Fans unmittelbar und fordert spontanes, meist verbales Drohverhalten heraus.

Wird dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage zugeschrieben, kann der Aggressionstrieb im gewalttätigen Angriff gegen den Schiedsrichter eskalieren.

Aggression – ja!       Gewalt – nein!

Dieses Motiv wird aus verhaltensbiologischer Sicht als Aggressionsmotiv bezeichnet. Das negative Image kommt vor allem dadurch zustande, dass in vielen Bereichen der Psychologie Aggression mit Gewalt gleichgesetzt wird.

Wenn Trainer beklagen: „Wir haben nicht aggressiv genug gespielt!“ meinen sie nicht, dass die Mannschaft  gewalttätiger hätte spielen sollen. Vielmehr beklagen sie damit mangelnde Einsatzbereitschaft oder zu passives Zweikampfverhalten.

Aggression:

Das Aggressionsmotiv stellt die treibende Kraft für Wettkampf, Rivalisieren, für Leistung und die damit verknüpfte Anerkennung dar. Sich durchsetzen, Siegen,  Gewinnen stellen die lustvolle Endhandlung des Triebmotivs der Aggression dar.

Als Quelle von leistungsorientiertem Wettbewerb und Konkurrenzverhalten durchzieht dieser verhaltensbiologische Ansatz  viele Bereiche unserer Gesellschaft wie Sport, Politik oder Wirtschaft.

Die mit der Leistung verbundene Anerkennung stellt die humanste Art des aggressiven Triebabbaus dar. (v.Cube,F.)

Deshalb sollte man auch schwächeren und wenig geübten oder behinderten Sportlern Gelegenheit zur Anerkennung durch Siegen bieten.

Dieser Forderung wird man gerecht durch die Einteilung in verschiedene Leistungsklassen oder Ligeneinteilungen z.B. von der Kreisliga bis zur Bundesliga.

Siegt man im Sport, so wird der Aggressionstrieb befriedigt, verliert man sucht man den Sieg erneut.

Doch wie steht es mit den Verlierern?

Auch sie wollen siegen um Anerkennung zu erreichen. Hier taucht das Problem derjenigen auf, die zu den Benachteiligten und zu den Verlierern in unserer Gesellschaft zählen.

Wer keine Gelegenheit hat, im Sport, im Beruf oder im Privatleben Siegeserlebnisse zu finden, geht auf die Suche nach dem besiegbaren Gegner.

Gewalt:

Unter Gewalt versteht man Handlungen, die unter Anwendung körperlicher Kraft, Waffen oder sonstiger Mittel anderen Personen gegen ihren Willen zu ihrem Nachteil oder Schaden aufgezwungen werden.

Das Aggressionsmotiv stellt die Voraussetzung für die Bildung einer Hierarchie in  der Mannschaft dar. Nur durch mannschaftsinternes Rivalisieren erhält jeder die Rolle, die seinen Fähigkeiten entspricht. Diese interne Rivalität kommt der gesamten Mannschaft zu Gute, da jeder optimal zum gemeinsamen Erfolg beitragen kann.

Die Gründe können bis in die frühe Kindheit zurück reichen und sich bis zu gegenwärtigen Minderwertigkeitsgefühlen erstrecken. Um die Gründe für Gewaltbereitschaft zu finden, ist es deshalb notwendig, die individuelle Lebensgeschichte gewaltorientierter Fans zu durchleuchten.

Kinder, die in der frühen Kindheit weder Zuneigung, noch Liebe noch Anerkennung erhalten haben entwickeln im Laufe ihres Lebens unbewusst verschiedene Formen der Angstabwehr zu denen auch die Neigung zur Gewalttätigkeit zählt. (Horney, K. 1994)

Gefährdet sind Menschen, die ihr Leben nicht im gewünschten Maß gestalten können. Dazu zählen beruflich Unzufriedene oder Gescheiterte, unter Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit Leidende, Untätige und Frustrierte, Menschen die nie oder wenig Anerkennung erfahren haben, die sich als Versager fühlen.

Auch verwöhnte und verzärtelte Kinder gehören um Potential der später Gewalttätigen. Aus individualpsychologischer Sicht   sind verwöhnte Kinder meist auch entmutigte Kinder. Sie sind häufig den Forderungen der Gemeinschaft nicht gewachsen.

Verwöhnung heißt nicht „Zuviel Liebe“ sondern „Liebe am falschen Platz“.

Die Krise tritt auf, wenn das Leben Forderungen stellt, die von anderen nicht mehr übernommen werden. Sie greifen deshalb nach Verhaltensweisen die, trotz eigener Schwäche, Erfolg und Anerkennung versprechen, z. B. der Sieg über Schwächere oder gemeinsame Gewaltaktionen in der Gruppe.

Die Neigung zur Identifikation mit dem Erwünschten und dem Stärkeren ist aus den angeführten Voraussetzungen nicht bei allen Menschen gleich.

Ein weiterer Grund für das Entstehen möglicher Gewaltbereitschaft liegt in dem nicht abgebauten, nicht benötigten Aktionspotential des sich identifizierenden, jedoch passiven Zuschauers.

Die Passivität der Zuschauer

Der Zuschauer möchte siegen im Zustand der körperlichen Passivität.

Der Fußballspieler auf dem Platz kann im Falle einer Niederlage seine Leistung reflektieren, Gründe erkennen, sich selbst hinterfragen und sich neue Aufgaben stellen.

Durch das körperliche Agieren auf dem Platz kann der Spieler sein physiologisches Aktionspotential abbauen, was dem passiven Zuschauer verwehrt ist.

Für den Fan, der sich mit der Mannschaft identifiziert, bedeutet der Sieg der Mannschaft eine Anerkennung, die er ohne eigenes Zutun, ohne Anstrengung erhält.

Im Falle einer Niederlage wird ihm diese lustvolle Endhandlung verwehrt.

Das Problem sind die Verlierer.   Wann entsteht aus Aggression Gewalt?

Auch die Verlierer wollen siegen.

Deshalb finden wir in der Organisation der Sportarten die Einteilung in Ligen und Leistungsklassen. Dadurch wird ermöglicht, dass auch die Schwachen in den Genuss des Sieges kommen um ihren aggressiven Trieb abzubauen.

Siegt man im Sport, wird der Aggressionstrieb befriedigt, verliert man, sucht man den Sieg erneut.

Doch hier taucht das Problem derjenigen auf, die zu den Verlierern in unserer Gesellschaft gehören. Die „Loser“ sind das eigentliche Problem. Wer keine Möglichkeit sieht, im Sport, im Beruf oder im Privatleben Erfolgs- oder Siegeserlebnisse zu haben, geht auf die Suche nach dem besiegbaren Gegner.

Um die Frustration der ausbleibenden Anerkennung zu kompensieren stehen ihm zwei Möglichkeiten zur Verfügung:

  1. Die Suche nach dem Schuldigen
  2. Er geht auf die Suche nach einem besiegbaren Gegner

Die Suche nach dem Schuldigen

Wer hat die Niederlage zu verantworten? Wer ist schuld daran, dass die erwünschte Lust und Anerkennung durch Siegen ausbleibt?

Zielscheibe dieser Suche können das unbefriedigenden Spiel der Mannschaft als Ganzes sein, auch Schiedsrichter werden als Schuldige auserkoren oder Schwächen einzelner Spieler der eigenen Mannschaft.

Spieler, die im Falle des Sieges noch die „Helden“ waren, werden bei Niederlagen als Schuldige verteufelt, „die ihr Geld nicht wert sind“. Auf diese richtet sich die aggressiv, nicht genutzte Energie des passiven Zuschauers.

Die ursprünglich leistungsorientierte Aggressivität, den Gegner zu besiegen wandelt sich um in mehr oder weniger unreflektierte Gewaltbereitschaft, mit dem Ziel den Schuldigen zu bestrafen oder zu vernichten.

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Beispiel:

Ein aktuelles Beispiel stellen die Vorgänge beim 1.FC Köln um den Spieler Kevin Pezzoni dar, die eine intensive mediale Diskussion über Gewalt von Fans ausgelöst haben.

Auf Grund mangelhafter Leistungen wurde er von den eigenen Fans bedroht und beleidigt. Als Konsequenz hat er den Verein verlassen, da er sich unter diesen Umständen nicht mehr zutraute, seine optimale Leistung zu bringen. Er war zum Synonym für die Erfolglosigkeit des Vereins geworden.

An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass die Identifikation unter gewissen Voraussetzungen zu einer eingeschränkten oder gar zerstörten Selbstreflexion führen kann.

DSC_0092 EMDie Suche nach dem besiegbaren Gegner.

Der Verlierer kann in der Regel seinen Aggressionstrieb nicht befriedigen. Die Lust am Siegen bleibt ihm verwehrt.

Es kommt zu einem Aggressionsstau, der nach einem besiegbaren Gegner verlangt

Leicht besiegbare Gegner stellen in dieser Situation einen hohen aggressiven Reiz dar.

Es werden Reize aufgesucht, die einen leichten Sieg versprechen, z.B. physisch Schwächere, Gruppen in Minderzahl, Alleinstehende, Hilflose, Ausländer, unbeteiligte Personen, Ältere u.a.

Die Gefahr, dass aus der Frustration des Verlierens aus der natürlichen Aggressivität Gewaltausübung entsteht, hängt von der Häufigkeit des Verlierens, des Frustriert Werdens oder des Versagens ab.

Die daraus resultierende verstärkte Suche nach Siegchancen kann sich in unspezifischem Hass äußern, der oftmals seine Ursache in der Erfolglosigkeit mancher Menschen in unserer Gesellschaft hat.

Wann hasst der Mensch?

Oft wird die ratlose Frage gestellt: Woher rührt nun der Hass, der bei gewalttätigen Ausschreitungen oftmals den Einsatz von Sicherheitskräften und Polizei erfordert?

Woher rührt der Hass, den gewaltbereite Fangruppen ausstrahlen, der in Schlägereien und Krawallen zum Ausdruck kommt? Um diese Frage vertieft zu beantworten wäre es notwendig die Lebensgeschichte jedes Fans zu durchleuchten.

Hass entsteht in der Regel, wenn sich der Mensch in irgendeiner Weise bedroht fühlt.

Meist sind es unbewusste Ängste, die als tiefere Ursachen von Gewaltbereitschaft wirken, wie beispielsweise schulisches oder berufliches Versagen, Verlust oder Ausbleiben von Anerkennung, Ungerechtigkeiten oder andere Bedrohungen der Lebensgestaltung.

Warum reagiert der Mensch auf Bedrohung mit Gewalt?

  1. Die Bedrohung wird durch Gewalt rasch beendet
  2. Die Vernichtung des Gegners, das Zufügen von Leiden und seine erkennbaren Schwächen wirken angstreduzierend. Hinzu kommt die Lust am Siegen, was wiederum die Wiederholung der Gewalt fördert.

Menschen, die hassen gehören meist zu den Unterlegenen, den Gedemütigten, zu den Schwächeren oder den Geschädigten. Unbewusste Minderwertigkeitsgefühle und ein bedrohtes Selbstwertgefühl können die Neigung zu gewalttätigem Verhalten verstärken.

Gegnerische Fans, Sicherheitskräfte und Polizei können als bedrohliche Gegner erlebt werden. Ein besonderes Merkmal des Hasses im Hinblick auf Gewalt kann deshalb folgendermaßen akzentuiert werden:

Man hasst nur so lange, bis der Gehasste seine Bedrohlichkeit verliert

Entscheidend ist, was der einzelne als Beendigung der Bedrohung erlebt. Wenn der Gegner am Boden liegt, kann dies als Beendigung der Bedrohung aufgefasst werden. Man kann aber auch weiter kämpfen, auf den am Boden liegenden eintreten bis er sich nicht mehr bewegt.

Das bedeutet auch, dass das Erleben von Schmerz und  Leiden eines anderen eine Quelle der Befriedigung sein kann.

Seminarreihe „Sportpsychologie“ mit Prof. Baumann

Literatur

  1. Adler, A.  Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Wien – München 1920
  2. Bleidik, U.  Die Individualpsychologie in ihrer Bedeutung für die Pädagogik. Mühlheim, 1959
  3. v.Cube, F.  Besiege deinen nächsten wie dich selbst.  München, 1997
  4. Fürntratt, E.  Angst und instrumentelle Aggression, Weinheim, 1974
  5. Horney, K.  Der neurotische Mensch unserer Zeit
  6. Iacoboni, M.  Woher wir wissen, was andere denken und fühlen. München, 2009
  7. Lamprecht, M., Stamm, H.  Sport zwischen Kultur, Kult und Kommerz. Zürich, 2002
  8. Wahl, K.  Aggression und Gewalt. Heidelberg, 2009