EM 2016 Spielanalyse: Deutschland – Polen 0:0

Steven Turek

Steven Turek

Nullnummer im Nachbarschaftsduell

Deutschland und Polen begnügen sich mit einem Punkt in einem Spiel ohne wirkliche Höhepunkte.

Deutschland hat (wieder) alles im Griff, lässt Torgefahr aber so gut wie gänzlich vermissen!

Das Spiel begann für Deutschland im Grunde wie das Spiel gegen die Ukraine – hohe Dominanz in Ballbesitz, leichtes Überspielen der ersten gegnerischen Linie (wenngleich das auch nicht wirklich schwer war) und überzeugendes Gegenpressing. Was Deutschland allerdings das ganze Spiel vermissen lassen sollte, war die offensive Durchschlagskraft. Dies lag zum einen an der grundsätzlichen stabilen Defensive Polens, aber auch vielen kleineren individuellen Fehlern. Dazu gehörte wenig aufeinander abgestimmte Laufwege, aber auch individuelle Qualität im richtigen Moment.

EM 2016 Spielanalyse: Deutschland - Polen 0:0 - Bild 1

EM 2016 Spielanalyse: Deutschland – Polen 0:0 – Bild 1

Beispiel 1: In dieser Umschaltszene bekommt Özil den Ball in einer zentralen Position. Anstatt auf die gegnerische Kette zuzudribbeln, um Druck auszuüben, spielt er einen (schlechten) Pass auf Müller, der seinerseits eine schlechtere Position zum Tor hat und im Moment der Ballannahme von einem zweiten Polen gestellt wird.

EM 2016 Spielanalyse: Deutschland - Polen 0:0 - Bild 2

EM 2016 Spielanalyse: Deutschland – Polen 0:0 – Bild 2

Beispiel 2: Draxler bekommt nach einem Zuspiel eine klare 1 gegen 1 Situation am Strafraum. Das Deutschland aus solchen kein Kapital schlagen konnte, lag zum einen an der guten Verteidigungsverhalten der Polen, aber auch (an dem Tag) fehlender individueller Durchschlagskraft (der Ball landet übrigens im Toraus mit folgendem Abstoß).

Polen verteidigt mit 10 Mann und vorne hilft Lewandowski

Bei allen Mechanismen, die Deutschland an den Tag legen konnte, darf nicht vergessen werden, dass diese Mechanismen immer auch bedingt sind durch die Ausrichtung des Gegners. Polen konzentrierte sich grundsätzlich auf relativ tiefes Verteidigen. Die Folge einer so tiefen Stafflung mit allen Feldspielern ermöglicht ein (relativ) leichtes Gegenpressing, weil Anspielstationen immer erst geschaffen werden müssen. Gleichzeitig erschwert es aber auch erheblich das Durchkommen und effektive Angriffszüge. Lewandowski kam in diesem Spiel eine Sonderrolle zu: Er stellte einen der beiden Innenverteidiger (überwiegend Boateng) zu und hatte damit seine Defensivpflichten bereits erfüllt.

EM 2016 Spielanalyse: Deutschland - Polen 0:0 - Bild 3

EM 2016 Spielanalyse: Deutschland – Polen 0:0 – Bild 3

Beispiel: Lewandowski orientiert sich an Boateng und verhindert Zuspiele. Dass er in Kontersituationen nicht durch lange Bälle eingesetzt werden konnte, lag vor allem an Boatengs überragender Stellung hinter dem Ball. Dies begünstigte Deutschlands Balldominanz im ersten Drittel, da der verbleibende Milik leicht mit Kroos und Khedira überspielt werden konnte. Gefährlich wurde Polen bei situativen Ballgewinnen höher im Feld und bei Standards.
Dass auf der Seite kein Tor fiel, verhinderte entweder die grundsätzlich solide Defensive Deutschlands, Polen selbst (45. Minute) oder Boateng im Privatduell gegen Lewandowski (58. Minute).

EM 2016 Spielanalyse: Deutschland - Polen 0:0 - Bild 4

EM 2016 Spielanalyse: Deutschland – Polen 0:0 – Bild 4

Dass Lewandowski in dieser Szene keine Tor erzielt, verfestigt die Erkenntnis, dass Boateng aktuell der wohl beste Innenverteidiger der Welt ist.

Große Änderungen – keine Wirkung

In der zweiten Halbzeit wurde auf deutscher Seite einiges geändert – Müller ging ins Sturmzentrum, Götze kam über rechts. Später kamen Gomez (für die Spitze) und Schürrle (für die Außenbahn). Einen wirklichen Unterschied machte das nicht. Müller wirkte in seiner Rolle als Spitze im Gegensatz zu Götze deutlich stärker im situativen Pressing und zwang die polnischen Innenverteidiger häufig zu unkontrollierten Eröffnungen. Im Offensivspiel änderte sich aber nicht wirklich etwas. Zeigte die Europameisterschaft bisher spannende Schlussphasen und späte Tore, wurde diese Partie zur Ausnahme.

EM 2016 Spielanalyse – Fazit: Deutschland überzeugte insgesamt, wie schon im ersten Spiel, mit der grundsätzlichen taktischen Ausrichtung – lies allerdings Durchschlagskraft im letzten Drittel vermissen. Polen zeigte eine stabile Defensive, situativ richtige Entscheidungen im Umschalten auf andere Pressinghöhen und individuelle Qualitäten – richtig Torgefährlich wurden sie aber auch nicht.

Steven Aufnahmen

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