EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0

Turek-AusschnittAutor: Steven Turek
Tore: Eder (109. Minute)

Frankreich stellt sich selber ein Bein – Portugal holt den Titel

Portugal gegen Frankreich oder Ronaldo gegen Griezmann – so sollte also das Finale heißen. Interessant war vor dem Spiel vor allem die Frage, wie beide Mannschaften es versuchen würden, den jeweiligen Star des Gegners aus dem Spiel zu nehmen. Leider wurde das zumindest von einer Seite zu wörtlich genommen, denn der portugiesische Superstar musste die Partie viel zu früh verlassen. Was das für Folgen hatte, lest ihr in der Analyse!

Frankreichs gute Ansätze auf der linken Seite – Portugal kommt aber davon!

Da Ronaldo ja nicht lange mitspielen konnte, konzentrieren wir uns zunächst auf Griezmann. Portugal versuchte es zumindest teilweise sehr mannorientiert gegen den besten Scorer der Franzosen. An sich kein Problem gegen den eher zentral bleibenden Griezmann, dessen Ausweichbewegungen sich meist auf entgegenkommen beschränkten.

Beispiel: Frankreich ist im Spielaufbau. Portugal verteidigt (zu) mannorientiert. Griezmann wird genauso eng verteidigt wie Payet. Griezmann nutzte zu keiner Zeit den sich nutzenden Raum zwischen Pepe und Cedric.

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 - Grafik 1

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 – Grafik 1

Größere Probleme hätten die Portugiesen allerdings mit einer anderen Mannorientierung bekommen können. Payet wurde am linken Flügel schon vor Anspielen sehr eng von Cedric verteidigt. Die Folge war ein größerer Raum zwischen Cedric und Pepe. Leider (aus Sicht der Franzosen) nutzte Giroud diesen Raum hin und wieder und bekam den Ball mit Blick zur Außenlinie, meist außerhalb des Strafraums.

Beispiel: Giroud nutzt den Abstand zwischen Cedric und Pepe. Kein Problem für Portugal, denn selbst wenn Giroud einen Ball ins Zentrum bringt, wer soll das Zuspiel denn abnehmen?!

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 - Grafik 2

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 – Grafik 2

Das hätten die Franzosen deutlich besser lösen können. Payet bleibt außen, Giroud bleibt innen. Griezmann nutzt diesen Raum. Das hat gleich mehrere Vorteile. Griezmann ist wegen seines Tempos ein ziemlich schlechtes Match-Up für Pepe, der weiter außen hätte verteidigen müssen. Darüber hinaus würde gleich eine Anspielstation im Strafraum zur Verfügung stehen (Giroud der 1 gegen 1 gegen Fonte spielt).

Beispiel: Der Ball ist bei Payet auf dem Flügel. Griezmann bleibt aber zentral. Läuft er durch, kann er seinen direkten Gegenspieler locker loswerden, und zusätzlich steht Giroud für eine Abnahme bereit.

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 - Grafik 2

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 – Grafik 3

Die Alternative für Portugal wäre, Cedric deutlich weiter innen zu positionieren, um diesen Pass zu verhindern. Das würde allerdings wieder mehr Raum für Payet öffnen. Aus Sicht Frankreichs blieb das komplett ungenutzt.

Beispiel: Läuft Griezmann in die Tiefe zwingt er Cedric in der nächsten Aktion weiter innen zu stehen, was Raum für Payet im 1 gegen 1 öffnet.

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 - Grafik 4

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 – Grafik 4

Anmerkung: Offene Räume in der gegnerischen Verschiebebewegung oder Organisation zu erkennen und anzusteuern, ist eine der Kerneigenschaften guter Spieler und Trainer.

Portugal: Planlos durch die Nacht – Erst recht nach Ronaldos Verletzung

In der ersten Halbzeit konnte man aber noch einen weiteren Kernzusammenhang im Fußball deutlich erkennen: Die Art und Weise wie verteidigt wird, hat Einfluss auf das Potenzial zu kontern. Wenn man allerdings wie Portugal abwartend ohne wirkliche Balleroberungsstrategie spielt, bekommt man durchaus Balleroberungen. Allerdings sind die nie zielgerichtet, womit auch der Konter nur wenig zielgerichtet sein kann. Dann kann man sich eigentlich nur auf individuellen Fähigkeiten verlassen. Blöd nur, dass eine der höchsten individuellen Qualitäten, die es so gibt sich verletzte.

Anmerkung: Verteidigt man so, ist man auch für Gegenpressing extrem anfällig, dazu gab es ebenfalls eine Handvoll Szenen in der ersten Halbzeit.

Frankreich zeigte da schon andere Ideen im Anlaufen.

Beispiel: Giroud übt Druck auf außen aus. Die Seite ist dicht für Portugal. Wird der Ball erobert, steht Griezmann zentral als erste Anspielstation bereit.

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 - Grafik 5

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 – Grafik 5

2.Halbzeit – Frankreich macht es sich selber schwer!

Wir bleiben mir der Analyse mal in diesem Spielraum, weil sich dadurch sehr gut einzelne Mechanismen aufzeigen können. Im Laufe der zweiten Halbzeit orientierte sich der linke Außenverteidiger Evra immer häufiger in eine höhere Position. Grundsätzlich eine gute Idee. Dadurch konnten Payet/Coman ins Zentrum, und Evra besetzte den Flügel. Das Problem ist nur, dass ein eh tief stehender Gegner sich einfach mit dem direkten Gegenspieler (Nani) nach hinten orientiert. Dies führte zu einer situativen 5er Kette der Portugiesen und der eigentliche Vorteil für Frankreich durch das oben beschriebene Verteidigen der Portugiesen war dahin.

Beispiel: Evra geht vor. Portugal lässt sich einfach fallen – die 5er Kette steht und kein Durchkommen für Frankreich.

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 - Grafik 6

EM 2016 Spielanalyse: Portugal – Frankreich 1:0 – Grafik 6

Als Coman für Payet kam, konnte man eigentlich denken, dass sich diese Situation wieder verbessert, weil er von sich aus eher die Außenbahn halten würde und sich somit eher weniger Situationen für ein Hinterlaufen von Evra ergeben.

Anmerkung: Das ist eigentlich ein gutes Beispiel, wie ein Trainer ganz natürlich mit unterschiedlichen Spielertypen die Spieltaktik verändern kann.

Leider zog es Coman auch eher in die Mitte im Zusammenspiel mit Griezmann oder Giroud/Gignac. Ob Trainervorgabe oder natürliches Spielerverhalten, wir werden es wohl nicht erfahren.
Diese Kombination aus letztlich französischen Problemen im Angriffsspiel und der Unfähigkeit Portugals, wirklich gute Konter zu initiieren, ließen schon sehr früh vermuten, dass dieses Spiel länger als nur 90 Minuten dauern wird.

Abschließende Gedanken: Warum Pogba nicht höher positioniert war und eher im Zusammenspiel mit Griezmann zu finden war, wird wohl noch länger ein Rätsel bleiben. Dass Portugal letztlich in der Verlängerung nochmal ein paar Körner abrufen konnte und das Spiel für sich entschied, lässt sich nur spekulieren. Vielleicht waren die 3 Tage Pause im Gegensatz zu den Franzosen (2 Tage) doch ein kleiner Vorteil.

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