EM 2016 Spielanalyse: Frankreich – Albanien 2:0

Torschützen: Griezmann 90‘, Payet 90‘

Frankreich wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Frankreichs uninspirierte 1.Halbzeit ist ein gefundenes Fressen für Albaniens Mannorientierung

Von Beginn an zeigte Frankreich ähnliche Probleme wie schon im ersten Spiel. Bereits dort konzentrierten sie sich zu stark auf die Sicherung des eigenen Ballbesitzes, ohne dabei wirklich zu versuchen, gegnerische Reihen zu überspielen. Beachtet man die Formation Albaniens, die in der Defensive irgendwo zwischen 5:4:1 und 6:3:1 pendelte, machten die Freilaufbewegungen von Frankreichs Mittelfeld und Sturm schlichtweg keinen Sinn. Bereits aus den Formationen heraus ergibt sich eine ausreichende Überzahl für Frankreich im Spielaufbau. Als wäre dies allerdings nicht genug, orientierten sich Spieler wie Coman und Martial häufig auch in Richtung Ball. Das endete in kuriosen Situationen in denen sich fast zehn blaue Spieler zehn weißen Spielern gegenüber stand. Statt dieser Bewegungen zum Ball und weg von den Gegenspielern wäre das umgekehrte notwendig gewesen, um wirklich Druck in Ballbesitz aufbauen zu können.

Folie1

Zugegeben: Dies ist schon eine sehr krasse Szene, zeigt aber perfekt das Problem der Franzosen in der ersten Halbzeit. Fünf bis sechs Spieler stehen zur Verfügung, um einen Stürmer zu überspielen. Nach Adam Riese bleiben noch vier offensive Franzosen gegen neun Spieler Albanien (zumindest ganz grob).

Folie2

Zum Vergleich: Im Spiel gegen Tschechien gestaltet Spanien seinen Spielaufbau angepasst an die Formation des Gegners. Zwei Spieler (u.a. Pique in Ballbesitz) stehen auf Höhe der gegnerischen Spitze und können im Halbraum das Spiel eröffnen oder andribbeln. Nur ein Spieler bleibt hinter dem Ball, zur Absicherung oder als Anspielstation.

Weitere Problem hatte Frankreich mit der ungewohnten Mannorientierung Albaniens. Eigentlich recht einfach zu überspielen, fehlte entweder ein gutes Zahlenverhältnis im Spielraum oder schlichtweg das Erkennen und Nutzen der Räume.

Folie3

Beispiel: In dieser Szene ist Rami in Ballbesitz. Albanien orientiert sich auf der linken Seite krass mannorientiert. Das öffnet zwar Räume im Rücken, die aber nicht genutzt werden können, weil keiner der Spieler auf der (im Bild) linken Seite den Laufweg in die Tiefe andeutet (oder Giroud aus dem Zentrum). Ein einfacher Chipball würde bei der Geschwindigkeit der meisten Spieler der Equipe Tricolore Probleme für Albanien verursachen.

Bei allen Schwächen, die Frankreich in der 1.Halbzeit offenbarte darf nicht unterschlagen werden, dass Albanien situativ mit guten mannschafts-taktischen Entscheidungen aufwarten konnte.

Folie4

Beispiel: Albanien bekommt Zugriff auf der linken Seite, sodass Frankreich einen Rückpass gespielt werden muss. Dieser Rückpass wird aggressiv attackiert. Letztendlich muss Frankreich den Ball schlagen – Albanien bekommt Ballbesitz.

Insgesamt positioniert sich Albanien im Verbund aber zu tief, um wirklich über Konter gefährlich werden zu können. Denn: Man darf nicht vergessen, dass eine massive defensive Organisation, in der (fast) jeder Zweikampf abgesichert wurde auch einen Nachteil hat – der Weg zum gegnerischen Tor ist umso länger.

Folie5

Beispiel: Der Ball wird in der Verteidigungslinie gewonnen und einmal kurz gepasst (auf den umkreisten Spieler). Selbst zu diesem Zeitpunkt befindet sich nur ein Spieler deutlich vor dem Ball, der gegen zwei verbleibende Innenverteidiger spielen muss – eine aussichtslose Situation.

Frankreich entdeckt den Halbraum für sich und erhöht die Schlagzahl

In der 2. Halbzeit veränderte sich das Spiel nach und nach. Frankreich erkannte und belief sich öffnende Räume wesentlich häufiger und verschob ihre Spieler nicht länger von vorne nach hinten, sondern von hinten nach vorne. Gerade gegen tief stehende Gegner (besonders, wenn diese mit einem Stürmer spielen), empfiehlt es sich den Ballbesitz weniger auf den Flügel als viel mehr im Halbraum hinter dem Stürmer zu halten. Dies eröffnet dem Spieler mehr Optionen und erhöht den Druck auf den gegnerischen Verbund (eine Lösung, die wir bereits im deutschen Spiel sehen konnten).

Folie6

Beispiel 1: Evra erhält den Ball nach einer kurzen Verlagerung (nicht an der Außenlinie, sondern im Halbraum). Aufgrund der vielen Optionen aus dieser Position muss ein albanischer Spieler anlaufen und Druck ausüben. Dadurch, dass es sich um Evra handelt und keinen 6er oder 8er, stehen vor dem Ball mehr Spieler zur Verfügung. In diesem Spielausschnitt kommt es folglich zu einem 4 gegen 4 – ein Zahlenverhältnis, dass Frankreich in der ersten Halbzeit so hoch im Feld nicht herstellen konnte. Die Folge ist ein Pass zu Grundlinie (Giroud macht das übrigens richtig gut und sperrt den Passweg frei) mit anschließender Hereingabe.

Folie7

Beispiel 2: Die Mannorientierung Albaniens wurde immer mehr zu Problem. Wieder hat Evra den Ball im linken Halbraum, spielt den Ball kurz ins Mittelfeld (noch nicht im Bild). Der Ball geht auf den Flügel und Evra erkennt den sich öffnenden Raum und läuft sofort ein. Auch hier ist die Folge eine Hereingabe mit anschließender Chance durch Giroud.

Das und die Präsenz von Pogba, der in der Lage ist, den Ball immer und gegen jeden zu behaupten, sorgten dafür, dass Frankreich deutlich an Übergewicht gewann und Strafraumszenen fast im Minutentakt kreieren konnte. Die Tore waren eine Frage der Zeit und durften auch nicht später fallen.

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