„DER BESTE TRAINER WERDEN, DER ICH SEIN KANN“ – Steven Turek

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Steven Turek

von Lars Lorenz

Mit Anfang 20 setzte Steven Turek alles auf eine Karte. Inzwischen ist er U-16-Trainer von Hannover 96 und hält nebenbei als Top-Speaker Seminare für Trainerkollegen – ob in Dubai, Belgien, Italien oder Deutschland. Und das soll es nicht gewesen sein! Die Geschichte über den bisherigen Weg des akribisch arbeitenden Fußballliebhabers.

Es war eines dieser vielen nahezu perfekten Spiele, das die Elf von Trainer Pep Guardiola am 28. Mai 2011 zeigte. Im mit 87.695 Zuschauern ausverkauften Wembley-Stadion besiegte der FC Barcelona seinen Kontrahenten Manchester United mit 3:1. „Was Barca damals spielte, war Fußball von einem anderen Stern. Für mich ist dieser Auftritt einfach prägend“, schwärmt Steven Turek bis heute. Gefühlte zehnmal habe er das Match bereits angesehen. Die Barca-Starformation kennt er auswendig. Und müde wird er nicht, wenn er vom Champions League Finale spricht. „Das Barca aus dieser Zeit war schlichtweg phänomenal!“ Turek´s Begeisterung für diesen Verein, die Philosophie und diese Art Fußball spielen zu lassen, hält weiter an. „Überwältigendes Kurzpassspiel, dazu die Fähigkeit in fast jeder Situation die richtige Lösung zu finden, einfach grandios. Wenn du dich über Jahre hinweg mit Fußball beschäftigst, dann kannst du das Spiel selten als Fan genießen. Bei Barca-Spielen ist das anders. Hier kann ich Fan sein.“

Seit dem legendären Triumph 2011 sind einige Jahre verstrichen. Und hinter Turek, der das 3:1 als 20-Jähriger mitverfolgte, liegt ein Weg mit vielen, lehrreichen Begegnungen und Erfahrungen.

SEINEN URLAUB VERBRACHTE ER DORT, WO DIE BUNDESLIGISTEN IHR WINTERTRAININGSLAGER BEZOGEN

Schon vor, während und nach dem Abschluss seines Studiums war dieser Weg stets durch die Nähe zum Fußball geprägt. Ob selbst als Spieler in der Landes- und Bezirksliga oder als Jugendtrainer seines Heimatclubs VfB Peine, bei Acosta Braunschweig oder am DFB Stützpunkt – Turek gehört zu dem Typus, der Fußball im wahrsten Sinne lebt. Und dies schon immer tat.

TRAINER

  • VfB Peine (2009 bis 2013)
  • BSC Acosta Braunschweig (2013/14)
  • DFB Stützpunkt (2011 bis 2016)
  • Hannover 96 (2016 bis aktuell)

„Anfang 20 war mir endgültig klar, dass ich die Karte Fußballtrainer spielen werde!“ Nach zwei Semestern Lehramt wechselte er die Fachrichtung hin zu Sport, Gesundheit und Leistung. Seitdem arbeitet er akribisch an der eigenen Weiterentwicklung. Als Student verbrachte er die Zeit nicht nur damit, „abnormal viel Spiele“ in der freien Zeit zu schauen, er investierte sein überschaubares Einkommen obendrein Jahr für Jahr, um die Trainingseinheiten vieler Bundesligisten und europäischen Erstligaclubs im türkischen Belek zu studieren. „Vier Jahre lang“, erinnert sich der heutige U16-Cheftrainer von Hannover 96, „bin ich mit Kollegen dort für je eine Woche hingereist. Wir haben die Einheiten angeschaut, besprochen und ausgewertet. Wenn sich die Gelegenheit ergab, sprachen wir auch mit den Übungsleitern.“

So wie 2014 mit Henni Spijkermann. Der Co-Trainer von Ajax Amsterdam nahm sich nach dem Training Zeit für den interessierten Nachwuchstrainer. „Es war keine vollkommen andere Trainingsform, die wir bei Ajax gesehen haben. Aber in diesen zehn Gesprächsminuten habe ich mehr über die Spielform gelernt, als ich vermutlich in 500 Jahren nicht gelernt hätte. Mit welcher Begeisterung Spijkermann sprach, wie er es vermittelte – das war beeindruckend und ermutigte mich! Wenn ich in diesem Alter noch mit dem gleichen Enthusiasmus über Fußball sprechen kann, dann habe ich alles richtig gemacht!“ Und weiter: „Dass er sich damals überhaupt Zeit genommen hat, war und ist nicht immer selbstverständlich. Diese Offenheit, diese Menschlichkeit, das imponierte mir!“ Eigenschaften, auf die Turek selbst großen Wert legt. Als Beispiel führt er eine Geste seiner U16-Jugendmannschaft von Hannover 96 an. „Die Jungs spendeten in ihrem jungen Alter freiwillig den kompletten Betrag ihrer Mannschaftskasse für wohltätige Zwecke. Das zeugt von Demut und menschlicher Qualität. Ganz wichtige Punkte für mich!“

steven-turekNobody ponders a world where everyone is simply settled for the easy way out. There would be so much less to inspire you – so much less to intrigue you – there would be so many fewer great stories to tell…
– unknown

Natürlich gehe es in seinem Job als Trainer auch um die Vermittlung solcher Aspekte. „Die Aufgabe ist enorm vielschichtig. Mein oberstes Ziel ist es, der Mannschaft zu helfen. Dazu zählt, ihr Möglichkeiten aufzuzeigen, um auf bestimmte Situationen im Spiel schnell reagieren zu können. Das perfekte Spiel ist es, wenn eine Mannschaft in die Lage versetzt wird, immer wieder Lösungen zu finden.“ Nicht nur seine Jugendmannschaft profitiert von der Vermittlung des über Jahre angehäuften Taktikwissens. Inzwischen tritt Turek nebenbei als Top-Speaker für Taktik-Seminare auf.

TOP-SPEAKER IN DUBAI, BELGIEN UND ITALIEN

Aus dem Gespräch mit Spijkermann und vielen weiteren mit Trainern und Verantwortlichen, überdies der Auswertung von Trainingseinheiten sowie verschiedener Spielphilosophien entstand im Rahmen eines groß angelegten Projektes der Universität Hildesheim die Idee, die gesammelten Erkenntnisse in einem Buch zusammenzutragen. „Von der Spielphilosophie zur Trainingsform“ war gleichzeitig der Startschuss für die begleitende Tätigkeit zum Trainerjob.

Ob als Autor oder Speaker auf Kongressen und Seminaren – Turek vermittelt sein über die Jahre akribisch angehäuftes Wissen einer inzwischen immer größer werdenden Gemeinde an interessierten Fußballtrainern. Die Themen sind vielschichtig. Von „Kompakte Abwehrblöcke knacken“, „Passwege öffnen und nutzen“ hin zu „Dominantes Gegenpressing“. 2017 referierte er vor 30 angereisten Trainern in Dubai. Turek kombinierte Theorie mit Kleinspielformen und zeigte die wichtigsten Punkte im Gegenpressing, die Unterschiede im Spiel gegen eine Vierer- und Fünferkette und verknüpfte diese mit einprägsamen Spielformen.

Darüber hinaus gab er Eindrücke in das Scouting und die Auswahl und Ausbildung deutscher Talente. Dass er neben den nationalen Lehrgängen auch in Dubai, Belgien (an der Seite von Erich Rutemöller) oder Italien (u.a. mit Arrigo Sacchi) referierte, ist eine steile Entwicklung, die sein Partner Peter Schreiner maßgeblich mit beeinflusste. „Peter ist  in der Welt sehr gut vernetzt und unterstützte mich dabei, aus der Idee mit dem Heft mehr zu machen.“ Und es wurde mehr. Heute erhält der ausgebildete A-Lizenz Trainer Einladungen zu Seminaren und Kongressen – sowohl national als auch international.

„DER BESTE TRAINER WERDEN, DER ICH SEIN KANN!“

Wohin sein Weg in Zukunft noch führen soll? „Von konkreten Zielen habe ich mich längst verabschiedet. Eine Trainerkarriere im Fußball zu planen, halte ich für sinnlos. Es kommt ohnehin anders, als man es sich wünscht!“ Turek vertritt eine andere Philosophie, als viele seiner Kollegen. Von der Grundhaltung her ist sie mit der seines Lieblingsclubs vergleichbar. Damals im Wembley spielte Barca mit sieben Eigengewächsen aus der berühmten Akademie „la Masia“. Der Verein vertraute auf die eigene Stärke. So macht es auch Turek. „Mein Anspruch ist es, der beste Trainer zu werden, der ich sein kann!“